Geschickte Kosmetik

Schweizer Versicherung - September 2013

RECHNUNGSLEGUNG - Versicherungen haben einige Möglichkeiten, ihre Bilanzverhältnisse zu beschönigen. Aber: Transparenz wird vom Markt belohnt.

Prinzipiell haben alle Firmen aus allen Branchen Spielräume, um ihre wirtschaftliche Lage anders darzustellen, als sie wirklich ist: Trotz der «true and fair»-Ansätze der US-Gaap- und IFRS-Rechnungslegungsansätze, die beispielsweise den stillen Reserven ein stilles Ende beschert hatten, gibt es etliche weitere Bilanzposten, bei denen Bewertungen im Spiel sind, weil − wie beispielsweise bei solitären Grossimmobilien − keine «richtigen» Marktpreise ermittelbar sind. Bei Versicherungen sind es laut einer Analyse der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars, bei der die Geschäftsberichte von 16 grossen europäischen Versicherungen – darunter mit Swiss Life und Zurich auch zwei schweizerische Vertreter – untersucht wurden, vor allem der Goodwill aus Akquisitionen sowie Finanzaktivitäten und Derivate, die einige Spielräume für Zahlenkosmetik eröffnen.

Das grobe Bild zeigt einige Auffälligkeiten. So hat sich zwar der Goodwill in den Bilanzen der Versicherungen im letzten Jahr um 3 Prozent verringert, aber in der gleichen Zeit gab es bedeutende Fortschritte an den Kapitalmärkten und gleichzeitig beträchtliche Wertschwankungen. Hinzu kommen die Einflüsse der Tiefzinsumgebung, die sich einerseits über reduzierte Anlageerträge, andererseits über einen tieferen Wert des zukünftigen Geschäfts bemerkbar machen. Über solche Details wüssten Kunden und Investoren von Versicherungen gerne mehr. Allerdings fehlen in den Geschäftsberichten laut den Experten von Mazars oft die entscheidenden Angaben.

Stochern im Nebel

Besser sieht es bei den von den Versicherungen selber vorgenommenen Prüfungen der Werthaltigkeit von Akquisitionen aus. Solche Prüfungen müssen sie regelmässig vornehmen. «Die gelieferten Informationen geben aber keinen hinreichend guten Aufschluss über den Manövrierspielraum der Versicherungen», konstatieren die Mazars-Experten. Der Spielraum wird dafür an anderen Stellen ausgenutzt. Gerade bei den Abschreibungszeiträumen bei Finanzanlagen sieht man praktisch jeden möglichen Zeitraum zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Ein Viertel der Versicherungen liefert gar keine Daten zum Wertverlust. Und auch die Verbesserung der Spreads half den Versicherungen im letzten Jahr, ihre Lage zu verbessern. Denn dadurch konnten etliche Versicherungen ihre entsprechenden Rückstellungspositionen entweder ganz auflösen oder stark reduzieren. Nur: Ausgewiesen wurde das längst nicht immer.

Interessant ist schliesslich der Umgang mit Derivaten. Diese können bei geschicktem Einsatz Risiken in der Bilanz reduzieren, Ergebnisschwankungen verringern, die Gesamtperformance von Anlagen verbessern und/oder die Art und Weise, wie Geld angelegt und verdient wird, verändern. Bei einigen Versicherungen findet sich ein Hinweis darauf im Anhang zum Jahresbericht. Aber es fehlen viele weitere wichtige Angaben zur Besicherung, zu den Gegenparteirisiken und zu den Kreditausfallversicherungen.

 

Transparenz wird belohnt

Das führt nicht nur zu Intransparenz. Versicherungen würden dadurch teilweise auch deutlich unter ihrem Buchwert gehandelt, so die Experten. Negative Beispiele hierfür sind Unipol aus Italien oder Swiss Life. Unipol wird zu einem Drittel, Swiss Life lediglich mit der Hälfte des Buchwertes gehandelt. Dass es auch anders geht, zeigen Zurich oder Axa, die zum 1,6-Fachen bzw. 1,3-Fachen des Buchwertes gehandelt werden. Doch es werden nicht alle Versicherungen aus den Euro-Problemländern gleich abgestraft: Generali wird zum 2,2-Fachen, Mapfre aus Spanien zum 2,4-Fachen des Buchwertes gehandelt. Und man unterscheidet auch nicht nach Lebens- vs. Nichtlebensversicherung. Prudential oder Standard Life kommen auf das 3,4-Fache bzw. das 2,3-Fache ihrer Buchwerte. Vergleichbare Differenzen haben sich auch bei den Preisen für Kreditausfallversicherungen herausgebildet: Wer klarer kommuniziert, so die Mazars-Experten, hat hier durchwegs niedrigere Werte, unabhängig vom Land des Hauptsitzes.
Die Analysten beziehen diese Zahlen übrigens auf die «harten» Bilanzpositionen, ohne Goodwill: «In der gegenwärtig ungewissen Lage und der schwachen Nachfrage nach Lebensversicherungen hat sich herausgestellt, dass die ‹weichen› Bilanzpositionen von relativ schwacher Qualität sind.»

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