Äpfel und Birnen

Schweizer Versicherung - Dezember 2014

Versicherungen erstellen zwar umfangreiche und informative Jahresberichte. Nur vergleichen lassen sie sich kaum.

Wo steht die Konkurrenz? Wie stark sind wir im Vergleich zu anderen gewachsen?
Und mit welchen Risiken haben wir das geschafft? Das alles sind Fragen, die sich bei der nächsten Vertragsverlängerung von Versicherungsmanagern stellen. Oder die sich auch das Kompensations-Komitee stellen muss, wenn es die Entschädigungen an die Top-Manager halbwegs von ihrer Leistung abhängig machen will. Der naheliegende Griff zu den Geschäftsberichten der Konkurrenten
bringt kaum Aufklärung – denn die grossen Versicherer berichten unterschiedlich über ihre Ergebnisse, wie der Versicherungsbroker Mazars unter den systemrelevanten europäischen Versicherungen inklusive Zurich Insurance und Swiss Re ermittelte.

Grob gesagt gilt: Je älter die Regel, desto eher wird sie im Sinn und Geist der Stakeholder angewandt. So liefern fast alle Versicherungen genügend Angaben über den Fair Value und den Level-3-Wert. Dieser stützt sich auf Schätzungen, weil der
genaue Wert bestimmter Assets nicht präzise über Marktpreise ermittelbar ist. Allerdings gibt es selbst bei den taufrischen Regeln – die Basis ist IFRS 13 – grössere Lücken, obwohl Heerscharen von Beratern 2011 und 2012 die Drehtüren der Finanzabteilungen von grossen Versicherungen auf hohen Touren am Rotieren hielten. Gewisse kleine, aber wichtige Sub-Regelungen – etwa die unter dem
Paragrafen 48 zusammengefassten Verrechnungsmöglichkeiten – wurden von keiner einzigen grossen Versicherung ausgewiesen, obwohl Banken ähnliche Regelungen nutzen, um ihre Bilanzen von Derivatepositionen gemäss US-Gaap zu «netten». Dort macht der Effekt rasch einmal ein Viertel der Bilanzsumme aus.

Auch beim Goodwill dominiert der gute Wille, die Werte auf dem aktuellen Niveau zu belassen. Europäische Versicherungen hatten im Vorfeld der Finanzkrise reichlich Übernahmen getätigt. Was damals an Goodwill auf die Bücher kam, ist in ihren Augen offenbar immer noch werthaltig. Die gut 60 Milliarden Euro Goodwill, die 2010 in den Büchern standen, bildeten das Spitzenjahr. Gegenüber 2009 gab es gemäss Mazars einen Sprung von 6 Milliarden Euro, obwohl kaum etwas mit Goodwill übernommen worden war. Und seither ist der Goodwill auch nicht gefallen, obwohl bei nüchterner Betrachtung aufgrund der Staatsschuldenkrise hie und da eine Korrektur wohl angebracht gewesen wäre. 2013 gab es indes laut Mazars kaum noch Anpassungen beim Wert.

Gerade bei der Werthaltigkeit bzw. beim Ausweis des Wertes stehen die Versicherungen theoretisch in der Schuld der Stakeholder. Wenn etwas nicht an Wert verloren hat, dann muss das nachvollziehbar begründet werden. Versicherungen begründen ihre Handlungen jeweils auch, aber vor allem unter Rückgriff auf exogene Faktoren oder Modellannahmen über zukünftige Cashflows. Wenn sie knausern, dann bei Informationen, ob und wie weit sie aktuell bezüglich der Übernahmen hinter dem ursprünglichen Business-Plan stehen und ob und wie sich die Manager bei ihren Entscheidungen vertan hatten. Dabei wäre gerade diese Information ein überaus wichtiges Kriterium einer fairen Management-Entschädigung.

Kein Ei wie das andere

Die ganze Vielfalt aller möglichen Reporting-Formen gibt es beim Ausweis des Economic Capital und den Kapitalüberschüssen. Die Mazars-Experten haben die einzelnen Versicherungsgesellschaften nicht namentlich genannt, aber erfahrene Finanzchefs (und nur sie) werden gleich auf den ersten Blick erkennen, wer sich hinter welcher Ausweisform verbirgt: Versicherung A stützt sich auf das Minimum
Ratio, B auf 150 Prozent des regulatorisch erforderlichen Kapitals. Versicherung C entschied sich für das Maximum zwischen ökonomischen und regulativem Kapital. Versicherung D wählte 110 Prozent des regulativ erforderlichen Kapitals und bei der
Versicherung E ist es das Maximum von ökonomischem Kapital, regulativem Kapital und den Erfordernissen an das minimal wünschbare Rating. Modelländerungen können, so die Mazars-Experten, das Eigenkapital problemlos mal um 10 Milliarden Euro vergrössern (oder verkleinern).

Auch bei der Berichterstattung über die verwendeten Derivate gibt es grosse Unterschiede: Obwohl es gemäss IFRS 7 keine Verpflichtung dazu gibt, weist mehr als die Hälfte der befragten Versicherungen den Nominalwert der Derivate aus. Das Gegenparteien-Risiko steht in Dreiviertel der Geschäftsberichte – aber fast alle grossen europäischen Versicherungen verzichten darauf anzugeben, ob und wie sie die Risiken pfandrechtlich abgesichert haben. Auch fehlen systematisch Hinweise, wie die Derivate strategisch eingesetzt werden.

Sobald die entsprechenden Direktiven in Kraft gesetzt werden, so die Mazars-Experten, und die Risiko- und Kapitaldaten zwingend in die Finanzkommunikation eingebettet werden, dürfte die Transparenz etwas steigen. Bei Mazars gibt man sich realistisch. «Die Methoden und Standards, die verwendet werden, unterscheiden sich weiterhin deutlich.»

Artikel von Matthias Niklowitz, Schweizer Versicherung - Dezember 2014

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